Glasgow’s miles better

Vom Industriemoloch zur Kreativen Stadt? Transformationen des Urbanen 1950-2000

Am Ende des großen Nachkriegsbooms wurden die westlichen Industriestaaten von tiefgreifenden sozio-ökonomischen Veränderungen erfasst, die zur Folge hatten, dass ganze Branchen und Industriezweige abwanderten. Zurück blieben innerstädtische Produktionsanlagen und Verkehrsflächen, die ihre Funktion verloren hatten. Das Projekt befasst sich mit den Prozessen zur Wiederaneignung dieser toten Räume, die zunächst Menetekel des Niedergangs und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs ganzer Regionen waren. Bald erlebten viele dieser Flächen ihre Renaissance als Leinwand für die Zukunftsvisionen der Verantwortlichen in Verwaltung und Wirtschaft sowie von Bürgerinitiativen. Auf alten Fabrikarealen, Güterbahnhöfen und Hafenanlagen entstanden Technologie-, Medien- und Kulturzentren, aber auch Naherholungsflächen. Manchmal blieben alte Strukturen und Gebäude als Kulisse erhalten, häufiger verschwanden sie.

Am Beispiel der schottischen Hafen- und Industriestadt Glasgow soll dieser Wandel untersucht werden. Hafenstädte sind einerseits von großem Interesse, weil an der europäischen waterfront besondere Leuchtturmprojekte, wie die Londoner Docklands oder die Hafencity Hamburg verwirklicht wurden. Die Lage am Wasser bietet jenes Maß an Sichtbarkeit, das es einer iconic architecture erlaubt ihre Botschaft voll zu entfalten. Andererseits sind sie Knoten im Netz des globalen Warenverkehrs. Die Containerrevolution, die Konzentration der Warenströme und der Bau immer größerer Schiffe, haben an den strukturellen Veränderungen der 1970er Jahre wesentlichen Anteil gehabt. Schließlich bildeten sie während der Industrialisierung häufig schwerindustrielle Cluster aus, die wiederum vom Wandel des Produktionsregimes besonders betroffen waren. Glasgow, lange Zeit Herz des westschottischen Industriereviers und dessen Tor zur Welt, bildet deshalb einen idealen Untersuchungsgenstand, weil sich in diesem Mikrokosmos zentrale Entwicklungen überschneiden und empirisch beobachten lassen, die wesentlichen Anteil am Strukturbruch und an den Aufbrüchen in unsere Gegenwart hatten.

Die Reorganisation stadträumlicher Zusammenhänge und Funktionsstrukturen fand ihre Entsprechung in einer Neuvermessung von ‚Urbanität‘. Das Zentrum erfuhr eine Aufwertung gegenüber der Peripherie und die heute dominierende Formel von der ‚Kreativen Stadt‘ entstand. Vermittelt über die Person Charles Landrys spielte Glasgow bei der Formulierung dieses Konzepts eine wichtige Rolle und bietet so als Fallbeispiel die Möglichkeit, einen der zentralen stadtpolitischen Leitsätze unserer Gegenwart zu historisieren.