Von Erdrutsch zu Erdrutsch

Studien zur politischen Arbeit der British Labour Party zwischen 1983 und 1997

Das Forschungsprojekt mit dem Titel „Von Erdrutsch zu Erdrutsch: Studien zur politischen Arbeit der British Labour Party zwischen 1983 und 1997“ fragt nach den veränderten Strategien zur Machterlangung der Labour Party während deren langen Oppositionsphase in dem genannten Zeitraum der „Wilderness Years“.

Während in den 1970 und 1980er Jahren das Ende der keynesianistischen Ära in der wirtschaftlichen Konfiguration der Ökonomien westeuropäischer Staaten große Veränderung mit sich brachte, schlugen sich wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Änderungen in dieser schon von Zeitgenossen als turbulent erlebten Phase „nach dem Boom“ (Lutz Raphael) spätestens in den 80er Jahren auch in den politischen Feldern der westlichen Demokratien nieder. Sie beschleunigten den schon länger zu beobachtenden strukturell tiefgreifenden Trend einer Veränderung der sozialen und ökonomischen Klassen- bzw. Schichtenstruktur, insbesondere den quantitativen Rückgang der Arbeiterklasse und den Aufstieg einer Dienstleistungsgesellschaft mit ausgeprägter Mittelschicht (middle class). Als politische Folge begann in Deutschland 1982 und in Großbritannien 1979 eine Zeit konservativer Regierungsausübung durch die CDU unter Helmut Kohl (in Koalition mit der FDP) bzw. der Conservative Party unter Margaret Thatcher und John Major, welche von den sozial- bzw. linksdemokratischen Parteien mit bisher üblichen Mitteln der Wählerrekrutierung nicht beendet werden konnte. Erst durch einen tiefgreifenden organisatorischer und inhaltlicher Wandel, welcher die klassischen Arbeiterparteien von ihrer ehemaligen Wählerklasse entfernte, schafften es die Schwesterparteien 1997 (Blair) bzw. 1998 (Schröder), erneut die Mehrheit in den Parlamenten und damit die Regierung zu stellen.

Obwohl insbesondere der inhaltliche Wandel der Parteien auf nationaler Ebene durch politikwissenschaftliche, teils auch historische Untersuchungen erfasst, analysiert und beschrieben wurde, existieren hinsichtlich der veränderten Organisation, des Wahlkampfs und der täglichen Parteiarbeit, sowie insbesondere zu deren Verbindungen untereinander hinsichtlich einer ‚ganzheitlichen‘ Sicht auf die Wechselwirkungen zwischen Partei und ihren (potentiellen) Wählern deutliche Forschungslücken.

Die von Pierre Bourdieu entwickelte Kapital- und Feldtheorie, insbesondere seine Ausführungen zum politischen Feld, wurde ausgeformt und weiterentwickelt, um auf Mikroebene, genauer in den Wahlkreisen des Londoner Stadtteils Tower Hamlets, diese Verbindungen von Partei und gesellschaftlichen Gruppen sowohl während Wahlkämpfen als auch im täglichen Umgang miteinander mit dem Analyseinstrument der Politischen Arbeit näher zu beleuchten, Kontinuitäten, Brüche und Widersprüche in diesem Wandel offenzulegen und andere Optionen in der historischen Entwicklung der Parteientransformation herauszustellen.